erschienen in DIE WELT am 2. Januar 1999
Berlin - Blendende Berufsaussichten, national wie international, und ausgezeichnete Aufstiegschancen attestiert ihnen Heike Lang von der Abteilung Unternehmensplanung an der Universität Ulm: "Nach Wirtschaftsmathematikern stehen die Unternehmen Schlange, vor allem Banken und Versicherungen, aber auch Industrieunternehmen und Kapitalgesellschaften, Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfer", sagt sie.
"Auf jeden Absolventen - 30 Prozent von ihnen sind Frauen - kommen inzwischen drei offene Stellen, Tendenz steigend. Die Finanzdienstleistungswirtschaft braucht sie dringend für Asset-Management, Risikocontrolling oder bei der Gestaltung innovativer Finanzprodukte".
Obwohl in den kommenden Jahren etwa 10 000 Wirtschaftsmathematiker gesucht werden dürften, legen allenfalls 300 im Jahr die Abschlußprüfung ab, 70 davon an Deutschlands größter mathematischer Fakultät in Ulm.
Wirtschaftsmathematiker kennen keine Arbeitsmarktsorgen. "Schon für Berufseinsteiger sind Gehälter in sechsstelliger Höhe durchaus möglich, wenn auch nicht die Regel", so Privatdozent Hans-Joachim Zwiesler vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften an der Ulmer Universität. Dennoch interessieren sich zu wenige junge Leute für diesen Studiengang.
Nur etwa 630 Studenten sind in Ulm in das Fach eingeschrieben, beklagt Zwiesler, "trotz eines exzellenten Studienumfelds, was Ausstattung und Seminargruppen betrifft, günstiger Wohn- und Lebensbedingungen in der Stadt und intensiver Betreuung durch rund 30 Lehrkräfte. Selbst wenn wir dreimal so viele Studenten hätten, wäre noch genügend Platz für alle da".
Die Ursache für das geringe Interesse an diesem erfolgversprechenden Fach lastet der Wissenschaftler dem geringen Bekanntheitsgrad von Beruf und Ausbildung an. Hinzu kommt die Tatsache, daß Medien, aber auch Berufsberater und sogar Politiker die Berufschancen der Mathematiker als schlecht bezeichnen. Bereits in der Schule führt das Fach ein Schattendasein, wie das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt hat. Während 13jährige Schüler in Österreich 165 Mathematikstunden im Schuljahr haben, sind es in Deutschland gerade 114, erkennt Hans-Joachim Zwiesler die Misere.
Vorgezeichnet sind somit rückläufige Studentenzahlen, "zumal technisch-naturwissenschaftliche Fächer ohnehin als schwierige Materie und anstrengend gelten", weiß Heike Lang. "Zu Unrecht", unterstreicht die Diplom-Wirtschaftsmathematikerin , "wer die beiden ersten Semester übersteht, bleibt bis zum Examen dabei". Nur 20 bis 30 Prozent springen ab, im Gegensatz zur sonst überproportional hohen Abbruchquote in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie.
Einen besonderen Stellenwert als Studien- und Forschungsschwerpunkt im Rahmen der Wirtschaftsmathematik hat in Ulm der Bereich der praxisorientierten Aktuarwissenschaften, ein Zusatz zum Hauptstudium. Als einzige Hochschule in Deutschland hat Ulm das Fach Aktuarwissenschaften in Form eines eigenen Studienplans in die Wirtschaftsmathematik voll integriert.
"Nirgends sonst gibt es eine gemeinsame Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften", unterstreicht Professor Peter Gessner, einer der Mentoren der Idee. Nach jahrelanger Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Allianz hat er in Ulm einen Lehrstuhl übernommen.
Die Mixtur aus den Disziplinen Mathematik, Wirtschaftswissenschaften, Informatik und Statistik sorgt dafür, daß Studenten alle fünf Eingangsprüfungen für den Beruf des Aktuars ohne Verlängerung des durchschnittlich zehnsemestrigen Studiums durchlaufen können. Auch die berufsbegleitenden Qualifikationsprüfungen nach dem Diplom und mindestens dreijähriger Tätigkeit in der Praxis, die von der Deutschen Aktuarvereinigung in Köln vorgeschrieben sind, werden in Ulm abgelegt. Das eigens dafür gegründete privatwirtschaftliche Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften zur beruflichen Weiterbildung ist das einzige seiner Art in Deutschland.
Der Beruf des Aktuars ist hierzulande noch nahezu unbekannt, obwohl per Gesetz Versicherer bestimmter Sparten einen verantwortlichen Aktuar zu bestellen haben. Anders sei beispielsweise die Situation in Großbritannien, wo rund 10 000 zu diesem Berufsstand zählten. Auch in den USA ist dieser Beruf weit verbreitet.
Die Versicherungswirtschaft braucht Aktuare seit der 1995 einsetzenden
Deregulierung des Marktes nicht nur um sicherzustellen, daß alle
Verträge, die abgeschlossen werden, auch erfüllt werden können.
Aktuare werden zudem eingesetzt, um Strategien für die Kapitalanlagen
und neue Produkte zu entwickeln. In der Betrieblichen Altersversorgung
sowie bei Rentenversicherungsträgern beschäftigen sie sich mit
Finanzierungsproblemen, bei Banken und Kapitalanlage-
gesellschaften bewerten sie Finanztitel und deren Risiken.
Als Sachverständige helfen Aktuare Gerichten und Anwälten
bei der Ermittlung von Versicherungsansprüchen, etwa bei Scheidungen.
Bei Wirtschaftsprüfern und Unternehmensberatungen sowie in Softwarehäusern
bringen sie als Experten für Financial Engineering die Verbindung
von Mathematik mit wirtschaftlichem Verständnis und professionellem
Umgang mit der Informationstechnologie ein, "Bedarf ja, Studenten
nein" - geht Zwiesler nun in die Offensive, um die für Ulm und Unternehmen
unakzeptable Situation zu ändern.
ULM (oh) - Nach Wirtschaftsmathematikern stehen Unternehmen Schlange. Auf einen Absolventen kommen drei offene Stellen. Deregulierung des Versicherungsmarktes sorgt für Nachfrage nach Aktuaren.
Blendende Berufsaussichten, national wie international, kleine Studiengruppen an etwa 20 deutschen Universitäten, ausgezeichnete Aufstiegschancen in der Industrie - Wirtschaftsmathematiker kennen weder Arbeitsmarktprobleme noch Arbeitsmarktsorgen. Schon für Berufseinsteiger sind Gehälter in sechsstelliger Höhe möglich, wenn auch nicht die Regel. Dennoch interessieren sich "viel zu wenige Studenten für diesen Studiengang", beklagt Privatdozent Dr. Hans-Joachim Zwiesler vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften an der Universität Ulm.
Er steht damit nicht allein. Ähnliche Sorgen plagen auch Wirtschaftswissenschaft und Informatik. Obwohl in den kommenden Jahren 10 000 Wirtschaftsmathematiker gesucht werden dürften, legen allenfalls 300 im Jahr die Abschlußprüfung ab, 70 davon allein an Deutschlands größter mathematischer Fakultät in Ulm. Sie war es, die vor 21 Jahren das Studium der Wirtschaftsmathematik an der Universität Ulm aus der Taufe gehoben hat.
Aber nur etwa 630 Studenten haben sich dort in das Fach eingeschrieben, trotz eines exzellenten Studienumfelds, was Ausstattung und Seminargruppen betrifft, günstiger Wohn- und Lebensbedingungen in der Stadt und intensiver Betreuung durch rund 30 Lehrkräfte. "Selbst wenn wir dreimal so viele Studenten hätten", sagt Zwiesler, "wäre noch genügend Platz für alle da".
Dabei stehen die Unternehmen Schlange nach Absolventen, vor allem Banken und Versicherungen, aber auch Industrieunternehmen und Kapitalanlagegesellschaften, Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfer. Auf jeden Abgänger - 30 Prozent davon sind Frauen - kommen inzwischen drei offene Stellen. Tendenz steigend. Die Finanzdienstleistungswirtschaft braucht sie für Asset-Management, Risikocontrolling oder bei der Gestaltung innovativer Finanzprodukte.
Die Ursache für die fehlenden Studenten des erfolgversprechenden Fachs lastet der Ulmer Wissenschaftler dem geringen Bekanntheitsgrad der Studieneinrichtung an. Dazu kommt die Tatsache, daß Medien, aber auch Berufsberater die Berufschancen der Mathematiker als schlecht bezeichnen. In der Schule führt das Fach zudem ein Schattendasein, wie das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt hat. Während 13jährige Schüler in Österreich 165 Mathematikstunden im Schuljahr haben, sind es in Deutschland gerade 114. Dabei ist selbst die Qualität des Unterrichts nur mittelmäßig, wie internationale Leistungsvergleiche belegen.
Das führt zu drastisch rückläufigen Studentenzahlen, zumal technisch-naturwissenschaftlicher Fächer ohnehin als schwierige Materie und anstrengend gelten - bei dem Studiengang zu Unrecht, wie die Diplomwirtschaftsmathematikerin Heike Lang von der Abteilung Unternehmensplanung an der Universität Ulm meint. "Wer die beiden ersten Semester übersteht, bleibt bis zum Examen dabei". Nur 20 bis 30 Prozent springen ab, im Gegensatz zur sonst überproportional hohen Abbruchquote in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie. Daß es allerdings kein "Laberstudium" ist, gibt sie zu.
Deshalb suchen die Ulmer Schulabgängern vor allem die kombinierte Fachrichtung nahezubringen: über eine interaktive CD-ROM mit Informationen, mit Werbefeldzügen an allen 4000 deutschen Gymnasien und über Anzeigenkampagnen gemeinsam mit der Wirtschaft - ein Novum für den Universitätsbetrieb. Auch kann mit dem Studium dort bereits im Sommersemester begonnen werden.
Geworben wird nicht zuletzt damit, daß dank eines Austauschprogramms mit renommierten US-Universitäten ein Drittel aller "WiMa"-Studenten dort ihren Masters Degree innerhalb eines Jahres erwerben, auf einer vollbezahlten Stelle als "teaching assistant" und Promotionsmöglichkeiten haben. Der Verein "Studium und Praxis" nach dem Vorbild des Alumny Clubs von Harvard schlägt zudem die Brücke zwischen ehemaligen Absolventen und heutigen Studenten.
Einen besonderen Stellenwert als Studien- und Forschungsschwerpunkt
hat in Ulm der Bereich der praxisorientierten Aktuarwissenschaften, ein
Zusatz zum Hauptstudium. Als einzige Hochschule in Deutschland hat Ulm
das Fach Aktuarwissenschaften in Form eines eigenen Studienplans
in die Wirtschaftsmathematik voll integriert. In anderen Ländern wie
etwa Großbritanien spielt der Aktuar schon lange eine größere
Rolle. Dort zählen 10 000 zu diesem Berufsstand, während er in
der Bundesrepublik nahezu unbekannt ist, obwohl das Gesetz vorschreibt,
daß jeder Lebensversicherer einen verantwortlichen Aktuar zu bestellen
hat.
Informationen zum Studiengang: Ute Schlenk, Dekanat der Fakultät
für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Universität Ulm,
89069 Ulm, 0731/50-23501